Gesundheit

Das Kippfenstersyndrom

Das Kippfenstersyndrom | Katzencontent
Verfasst von Kathrin

Der Frühling steht ins Haus und endlich kann man die Wohnung wieder lüften, ohne gleich zu erfrieren. Mit steigenden Temperaturen kann das Fenster dann nach Ende der Heizperiode auch mal länger geöffnet bleiben. Aber die in Deutschland üblichen Kippfenster stellen eine verhängnisvolle Falle für unsere Stubentiger dar, die jedes Jahr zu gefährlichen, teilweise tödlichen Verletzungen führt.

Wie passiert es?

Wenn der Spalt zwischen der Fensterlaibung und dem gekippten Fenster groß genug ist, kann eine neugierige Katze ihren Kopf im oberen Teil nach draussen drücken, indem sie sich zum Beispiel auf die Hinterbeine stellt. Meist passiert das schon beim neugierigen Schnuppern. Da Katzen kein starres Schlüsselbein haben wie wir Menschen, können sie ihren gesamten Körper durch alle Öffnungen zwängen, durch die ihr Kopf hindurchpaßt. Und das wird eine Katze unter Umständen in dieser Situation auch probieren. Meist rutschen die Katzen dabei aber ab und bleiben im nach unten spitzwinkelig zulaufenden Spalt stecken. Befreigungsversuche der Katze machen die Situation noch schlimmer, da sie dadurch noch tiefer in den Spalt rutscht.

Welche Verletzungen können entstehen?

Zunächst wird durch das Einklemmen die Hauptschlagader im Bauch zusammengedrückt, so dass der Blutdurchfluss zu den Hintergliedmaßen unterbrochen wird. Die dort liegenden Muskeln und Nerven werden in folge der mangelhaften Durchblutung nur noch ungenügende mit Sauerstoff versorgt (Ischämie) und in den Zellen entstehende giftige Stoffwechselendprodukte können nicht mehr abtransportiert werden. Folge ist eine Übersäuerung (Azidose) der Muskulatur, die letztlich zum Absterben von Muskelzellen und zur Schädigung von Nervenzellen führen kann, was sich in einer Lähmung der Hinterbeineäußert. Möglich ist auch die Bildung von Thromben an der Verzweigung der Aorta . Wird die Katze befreit, können Schadstoffe, die sich im abgeklemmten Bereich der Körper angesammelt haben, in den gesamten Körperkreislauf gelangen. Im Herzen können sie zu schweren Schädigungen und Herzrhytmusstörungen führen. Zudem kann es zu einem sogenannten Reperfusionssyndrom kommen, bei dem Zellen des Immunsystems geschädigte Gewebebezirke angreifen und dabei teilweise auch gesundes Gewebe zerstören.

Weitere mögliche Schädigung betreffen den Dickdarm und die Harnblase. Durch die Quetschungen können die Organwände beschädigt werden und die versorgenden Blutgefäße reißen. Dies kann es zum Absterben von Schleimhautteilen und Fettgewebe (Nekrose) bis hin zur vollständigen Blasennekrose führen. Darüber hinaus können Bereiche der Wirbelsäule, des Rückenmarks und andere innere Organe geschädigt werden.

Was ist zu tun?

Die Katze muss umgehend befreit werden und bedarf danach in jedem Fall tierärztlicher Betreuung. In der Regel befinden sich die Tiere in einem Schockzustand, haben eine stark erhöhte Herzfrequenz und sind unterkühlt, vor allem im Bereich der Hinterbeine. Meist sind die Hinterbeine gelähmt und im vorderen Oberschenkelbereich verhärtet. Die Verletzungen sind mit starken Schmerzen vor allem im Bauchbereich verbunden. Häufig setzen die Katzen aufgrund der Schädigungen der Blase blutigen Urin ab. Creatin-Kinase-Wert und der GOT-Wert im Blut sind stark erhöt, was ein Inidkator für die Gewebsschädigung in Herz- und Skelettmuskulatur ist.

An erster Stelle steht eine Schockbehandlung mit Infusionen, Wäremzufuhr und unter Umständen Kortisongaben. Eine Schmerzbehandlung ist auch dann angezeigt, wenn die Katze keine oder nur dezente Schmerzsymptome äußert, da Schmerzen in hinteren Bauchbereich den Urin- und Kotabsatz behindern.

Für eine weitere Prognose sind neurologische Untersuchungen und Röntgenaufnahmen unerläßlich, um das Ausmaß der Schädigung festzustellen.

Die weiter Behandlung besteht vor allem aus Physiotherapie mit Massagen sowie Beuge- und Streckübungen der Gliemaßen.

Wie sind die Aussichten?

Die Prognose bei dieser lebensbedrohlichen Unfallform liegen bei 75% vollständiger Erholung (Studie von Fischer, Weiss, Cizinauskas, Vannini, Jaggy [PDF]). In der Regel dauert die Erholungsphase zwölf Tage bis zwei Monate. Auf der Seite „Luna-Cat“ wird mit eindruckvollen Bildern der Fall von Pepe beschrieben, der sich nach einem Kippfensterunfall vollständig erholt hat.

Wie kann man es verhindern?

Verletzungen an Kippfenstern kann man auf einfache Weise durch das Anbringen eines sogennanten Kippfensterschutzes verhinden. Diese Gitter kann man für knapp 10 Euro pro Stück überall im Zoohandel beziehen – Geld, das gut investiert ist!

Das Bild „Watching me“ wurde von Miss Claeson bei Flickr unter Creative Commons Lizenz zur Verfügung gestellt.

Über den Autor

Kathrin

5 Kommentare

  • Vor 2 Jahren habe ich meinen geliebten Kater durch ein Kippfenster verloren. Ich denke man kann nicht oft genug davor warnen, mir war die Gefahr damals nicht bewusst.

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    Und irgendwie ist es ein typisch deutsches Problem…in den USA z.B. sind die Fenster ganz anders gestaltet, nämlich so, dass sie in der Mitte geteilt sind und man den unteren Teil hochschieben kann. Allerdings passieren hier Unfälle dann dadurch, dass der hochgeschobene Fensterteil abrutscht…was sogar für Menschen, besonders Kinder, sehr gefährlich ist.

    Aber glücklicherweise kann man Katzen ja relativ einfach schützen – wenn man die Gefahr erstmal kennt.

    Auch meine Kollegin hat ihre heißgeliebte Katze durch ein gekipptes Fenster verloren :(…

     

     

  • Hallo Eli,
    meine Katze Lizzy hatte den Kippfensterunfall am 11.Januar.Sie war zwei Monate quasi querschnittsgelähmt. Mit Physiotherapie,Homeopathie,Krankengymnastik oder auch nur mit der Zeit an sich,läuft sie seit drei Wochen wieder. Inzwischen ohne zu hinken,ganz wie vor dem Unfall.
    Leider kriegen wir eine ziemlich wichtige Sache nicht in den Griff. Sie ist nämlich immer noch nicht ganz dicht. Wo sie geht und steht,hinterlässt sie stinkende Spuren. Gibts hier jemand,der das auch erlebt hat? Es ist unglaublich,was sie geschafft hat,sämtliche Tierärzte waren total erstaunt,daß sie wieder laufen kann. Leider können wir das alles nicht mehr so richtig genießen..denn es wird nicht besser. Was kann ich tun?
    Liebe Grüße,
    Kerstin

  • Hallo Kerstin,

    erstmal muss ich sagen: Hochachtung, dass Ihr so viel Zeit, Mühe und Geduld investiert hat, damit es Eurer Lizzy wieder besser geht! Es freut mich sehr, dass Ihr schon so weit gekommen seit…und ich drücke Euch die Daumen, dass Ihr auch das letzte Problem mit der Unsauberkeit noch in den Griff bekommt.

    Leider befürchte ich, dass Ihr hier darauf hoffen müßt, dass die Zeit für Euch arbeitet und Lizzy die Kontrolle über ihre Ausscheidung von alleine wieder findet.

    Ich weiß aber, wie unheimlich belastend es sein kann, wenn eine Katze unsauber ist. Vielleicht wäre es eine Lösung für Euch, Lizzy an Windeln zu gewöhnen. Allerdings ist das eine relativ kostspielige und arbeitsintensive Angelegenheit…als Quelle kann ich luna-cat.de empfehlen. Informationen zum Thema Windeln findet Ihr direkt im entsprechenden Bereich.

    Ich würde mich freuen, wenn sich noch mehr Menschen melden, die über Ihre Erfahrungen berichten können…

    Ales Gute wünscht Eli

     

     

     

     

     

  • Hallo Eli,
    danke für die schnelle Antwort! Bin hier wirklich am verzweifeln..Die Geschichte über Luna hab ich gelesen. Hab auch schon dran gedacht,Lizzy Windeln anzuziehen. Aber sie geht ja ständig und gerne aufs Klo. Ich glaube,daß sie mit Windeln nicht sehr glücklich wäre.. Kurz nach ihrem Unfall hab ich im Internet rumgesucht und bin schliesslich bei cattalk gelandet. Wenn da nicht ein netter Mensch gewesen wäre,der Erfahrung mit Kippfensterkatzen gehabt hätte,…wahrscheinlich hätt ich aufgegeben. Aber jetzt weiß er auch nicht mehr weiter..außer warten..
    Hoffentlich meldet sich hier jemand,der ähnliches mit seiner Katze erlebt hat. Habe seit 40 Jahren Katzen..Momentan außer Lizzy noch drei andere. Sowas hat noch keine gemacht..Wir haben jetzt überall die Sicherungsgitter.Lizzy hats nämlich nochmal versucht..Ich saß neben dem Fenster!!!!!
    Vielen Dank,Bye,Kerstin

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