Verhalten

Katze mit Menschenphobie?

Was ist die beste Methode, um so einem Tier das Vertrauen in den Menschen wieder zu geben oder bei einem Wildfang dafür zu sorgen, dass er zum ersten Mal Vertrauen gewinnt?

Meine Erfahrungen

Ein Patentrezept gibt es sicherlich nicht. An dieser Stelle möchte ich aber einige Erfahrungen weiter geben, die ich selbst mit menschenscheuen Katzen gemacht habe. Mein härtester Fall war der norwegische Waldkater Imotep, den wir im Alter von sechs Jahren als völlig verstörtes Häufchen Elend zu uns genommen haben. Imotep war schon als Kitten auf einer Ausstellung konfisziert worden, weil sein Vater angeblich von Imoteps Züchtern gestohlen wurde, er wurde hin und her gerissen, lebte über Jahre mit anderen potenten Katern auf engem Raum zusammen gepfercht und ist dann bei der Auflösung der Zucht auch noch von der Pflegestelle entlaufen. Nach drei Monaten konnte Imotep wieder eingefangen werden – und war ein Wrack. Wir wissen nicht, was Imotep alles erlebt hat, aber als er zu mir kam war er Menschen gegenüber panisch und aggressiv, ließ sich nicht anfassen (ich habe noch so manche Narbe von ihm) und war so verunsichert, dass er zwei Monate lang nur auf der höchsten Plattform seines Kratzbaums lebte. Wenn man ihn von dort hinunter Zwang, um ihm zum Beispiel Medikamente zu geben, hat er sich vor Angst vollgekotet und – uriniert. Als Imotep Jahre später von einem schweren Nierenleiden erlöst werden mußte, war er ein vorsichtiger, aber ganz normaler Kater geworden. Er ließ sich auf den Arm nehmen, kam zum Kuscheln ins Bett und genoß seine Streicheleinheiten. Anscheinend hatte ich alles richtig gemacht…

Imoteps Weg in Bildern

Kater Imotep
Kurz nach dem Einfangen
Kater Imotep
Auf seinem Kratzbaum
Kater Imotep
Erste Steichelversuche
Kater Imotep
Erstes gemeinsames Essen
Kater Imotep
Nach einem Jahr
Kater Imotep
Imtotep

Phobien bei Mensch und Tier

Geholfen hatte bei der „Therapie“ von Imotep vor allem auch die Dinge, die ich in meinem Psychologiestudium gelernt hatte. Endlich waren die Verhaltenstherapeutischen Seminare zu etwas gut! Denn die Angst, die scheue oder panische Katzen gegenüber Menschen zeigen, weist erstaunliche Parallelen zu einer Phobie beim Menschen auf.

Beim Menschen ist eine Phobie nach dem diagnostischen Manual DSM IV durch folgende Kriterien definiert:

A. Ausgeprägte und anhaltende Angst, die übertrieben oder unbegründet ist und die durch das Vorhandensein oder die Erwartung eines spezifischen Objekts oder einer spezifischen Situation ausgelöst wird (z.B. Fliegen, Höhen, Tiere, eine Spritze bekommen, Blut sehen).

B. Die Konfrontation mit dem phobischen Reiz ruft fast immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor […}

C. Die Person erkennt, daß die Angst übertrieben oder unbegründet ist…

D. Die phobischen Situationen werden gemieden bzw. nur unter starker Angst oder starkem Unbehagen ertragen.

E. Das Vermeidungsverhalten, die ängstliche Erwartungshaltung oder das Unbehagen in den gefürchteten Situationen schränkt deutlich die normale Lebensführung der Person, ihre berufliche (oder schulische) Leistung oder sozialen Aktivitäten oder Beziehungen ein, oder die Phobie verursacht erhebliches Leiden für die Person.

F. Bei Personen unter 18 Jahren hält die Phobie über mindestens sechs Monate an…(Quelle: DSM IV)

Sicherlich können die Kriterien C und F bei Katzen nicht gegeben sein. Die anderen Punkte treffen aber auch auf eine Katze zu, die auf Menschen mit panischer Angst reagiert: In der Regel ist diese Angst im Vergleich zu anderen Hauskatzen übertrieben, sie wird eigentlich immer ausgelöst, wenn man der Katze zu nahe kommt, die Katze vermeidet den Kontakt zum Menschen und verkriecht sich oder rennt aus dem Zimmer, sobald man es betritt und sie ist in ihrem Leben gegenüber einer nicht ängstlich reagierenden Katzen natürlich eingeschränkt. Wenn ein ruhig schlafende Katze plötzlich aufschreckt und panisch unter der Couch verschwindet, nur weil man ins Zimmer kommt, oder sie im Grunde permanent unter Stress steht, stellt das nämlich sicherlich einer Einschränkung ihrer Lebensqualität dar.

Plastisch ausgedrückt ähnelt Mieze mit ihrem Verhalten einer Person mit einer Spinnenphobie, die aus dem Zimmer stürzt, sobald etwas an der Wand krabbelt und sich dann erstmal weigert, das Zimmer jemals wieder zu betreten – nur dass für die Katze eben der Mensch die Spinne ist.

Therapieansätze

Vor diesem Hintergrund kann man sagen, dass die Katze unter so etwas wie einer „Menschenphobie“ leidet. Diese Sichtweise bietet interessante Ansätze dafür, wie man mit einer Katze, die starke Angst vor Menschen hat, umgehen sollte und wie man diese Ängste kurieren kann. Die übliche Empfehlung, das Tier erst einmal in Ruhe zu lassen und abzuwarten, bis es von selbst auf einen zukommt, ist vor dem Hintergrund des Phobie-Modells nicht optimal, da damit das Vermeidungsverhalten der Katze noch verstärkt wird.

Einen Menschen mit Spinnenphobie wird man bestimmt auch nicht dadurch heilen, dass man hoffnungsvoll darauf wartet, bis er von alleine eine Spinne in die Hand nimmt und mit dieser spielt.

Vor dem Hintergrund ist es sinnvoll, sich anzuschauen, wie Phobien bei Menschen behandelt werden.. Und genau das habe ich getan, als mein Imotep panisch auf seinem Kratzbaum saß und Todesängste aus stand, wenn man ihm zu nahe kam.

Eine Methode, die sich bei der Behandlung von Phobien sehr bewährt hat, ist die Konfrontationstherapie. Bei dieser Therapie wird die phobische Person so lange dem angstauslösenden Reiz ausgesetzt, bis sie sich quasi daran gewöhnt hat und die Angst nachlässt. Dem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass Ängste sich eben nicht, wie von Phobikern oft befürchtet, in Unermessliche steigern können, sondern dass die Angstreaktion nach einer gewissen Zeit nachlässt, wenn vom auslösenden Reiz keine wirkliche Gefahr ausgeht. Früher ging man bei dieser Therapie teilweise sehr radikal vor, indem man die betroffenen Patienten mit dem angstauslösenden Reiz überflutet hat. In unserem Spinnenbeispiel würde das bedeuten, dass der arme Spinnenphobiker ohne jede Vorbereitung in einen Raum mit Spinnen gesperrt würde, bis er sich beruhigt. Heute setzt man etwas freundlichere Verfahren ein, in denen man stufenweise vorgeht und ein sogenanntes „Modelling“ einsetzt. Dabei wird der verängstigten Person von jemand anderem – dem „Modell“ – in der jeweiligen Situation vorgemacht, dass das, wo vor sie Angst hat, gar nicht schlimm ist. Unser Spinnenphobiker müsste zum Beispiel erst in einem Spinnenbuch blättern, würde dann ein Spinnenvideo anschauen, eine Spinne in einem Glas gezeigt bekomme und als nächstes dabei zusehen, wie jemand anderes die Spinne hält. Schließlich müsste er die Spinne selbst in die Hand nehmen.

Grundsätzliches

Genauso können wir auch bei unserer Katze mit „Menschenphobie“ vorgehen. Von großem Vorteil ist es, wenn in dem Haushalt auch noch andere Katzen leben. Die können der verängstigten Katze zeigen, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht und dass man durchaus Vorteile von Menschen haben kann – sie sind die „Modelle“, von denen die andere Katze lernt. Um diesen Effekt optimal zu nutzen, sollte man seine alteingesessenen Katzen so oft wie möglich vor der scheuen Katze streicheln, sie hochnehmen, mit ihnen spielen und sie füttern. Natürlich nur, wenn sie sich all dies gerne gefallen lassen! Die ängstliche Katze soll am Verhalten der anderen erkennen, dass von Menschen keine Gefahr ausgeht und wie man sich „richtig“ im Umgang mit Menschen verhält.

Am besten funktioniert die“Therapie, wenn die Katze in einem relativ kleinen, eng umgrenzten Raum untergebracht ist. Das macht es leichter bzw. überhaupt erst möglich, an das Tier heran zukommen. Außerdem wird verhindert, dass die Katze flieht und sich der Situation entziehen kann, was ihr Vermeidngsverhalten verstärken würde. Bei meinem Imotep war das alles kein Problem, da seine Angst, den Kratzbaum zu verlassen und in die unbekannte Wohnung zu laufen, viel größer war als die Angst vor Menschen. Daher konnte ich ihn relativ leicht anfassen, ohne dass er flüchten konnte. Vor seinen Pfotenhieben mußte ich mich allerdings trotzdem noch in Acht nehmen…Außerdem sollte der Raum über wenig Versteckmöglichkeiten verfügen. Eine Rückzugsmöglichkeit muss vorhanden sein, aber auch die sollte für den Menschen Zugänglich sein. Meist eignet sich das Badezimmer gut zur Unterbringung oder ein Gästezimmer (Achtung, dass die Katze sich nicht unter dem Bett verkreichen kann!). Um den Kontakt mit den anderen Katzen (Modellfunktion!) zu sichern, kann man zeitweise eine Drahtgittertür einsetzten. Hier ist natürlich etwas handwerkliches Geschickt gefragt. Ansonsten kann man die Katze auch zeitweise in einem großen Aufzuchtkäfig oder einer Art Voliere unterbringen.

Kommen wir jetzt zum wichtigsten Punkt: Die Katze darf nie panisch fliehen können! Die Therapie einer Phobie funktioniert aus dem Grund, dass Angst sich nicht immer weiter steigert, wenn keine wirkliche Gefahr besteht, sondern mit der Zeit nachläßt. Genau den Punkt, an dem die Angst nachgelassen hat, muss man bei allem, was man tut, abwarten. Das bedeutet nicht, dass man warten muss, bis die Katze völlig ruhig ist. Das wird in den seltendsten Fällen passieren. Aber man muss immer abwarten, bis das Tier sich zumindest ein wenig entspannt hat.

Und noch etas: Immer in kleinen Schritten vorgehen…

Vorgehensweise

Das Vorgehen bei der Therapie einer Katze mit „Menschenphobie“ könnte zum Beispiel so ablaufen:

Die Katze ist im Badezimmer untergebracht und kann die anderen Katzen durch eine Drahtgittertür sehen. Die alteingesessenen werden jetzt so oft wie möglich in Sichweite der separierten Katze gestreichelt und gefüttert. Auch Spiele finden vorwiegend in der Nähe der Drahttür statt. In diesem ersten Schritt gewöhnt sich die Katze an den Anblick ihres Menschen und kann das Verhalten der anderen Beobachten.

In der nächsten Stufe beginnt man, sich der Katze langsam immer weiter zu nähern. Dabei muss man schrittweise vorgehen: immer nur so weit, bis die Katze eine deutlich Angstreaktion zeigt, dann stehenbleiben, warten, bis sie sich beruhigt und wieder zurückgehen.

Irgendwann hat man erreicht, dass man so nahe an die Katze herankommt, dass man sie berühren kann. Jetzt muss sie lernen, dass Anfassen nichts schlimmes ist. Das ist die schmerzhaftestes Phase – für den Menschn! Ebenso wie man sich im letzten Abschnitt der Katze genährt hat, führt man jetzt schrittweise seine Hand immer näher an das Tier heran. Die meisten Katzen schlagen irgendwann danach. Tragen sie zur Not erstmal Handschuhe.

Kann man die katze berühren, bringt man ihr Schritt für Schritt bei, sich stärker streicheln zu lassen und schließlich, sich hochnehmen zu lassen. Spätestens jetzt kann man das Tier aus der Isolation entlassen. Erstmal wird es Rückschritte geben, durch die man sich nicht entmutigen lassen sollte. Immer alles langsam Schritt für Schritt!

Das Titelbild „Twigi in a box“ wurde von miss pubik bei Flickr unter Creative Commons Lizenz zur Verfügung gestellt.

Über den Autor

Kathrin

4 Kommentare

  • Hallo Sunny, ich wünsche Dir viel Glück mit Deinem Kater! Wenn Du Fragen hast, kannst Du Dich ruhig melden.

    Viele Grüße
    Eli

  • Hallo,
    Wir (meine Freund und ich) haben am Wochenende zwei kleine Katzen bekommen. Eine weiblich und die andere männlich. Es ist ein Geschwisterpaar. Sie sind beide so etwa 6 Monate alt und hatte bis jetzt auch kein leichtes Leben. Zuletzt waren sie ind einem Heizungskeller eingesperrt. Die beiden sind überhaupt nicht an Menschen gewöhnt und haben regelrecht Angst vor uns. Ihr Verhalten passt ziemlich gut zu der oben beschriebenen Phobie. Man merkt, das sie neugierig sind, aber sehr ängstlich. Leider haben wir keine vertraute Katze hier, aber ich werde versuchen ihnen zu zeigen, dass sie in unserer Gegenwart keine Ängste haben müssen. Ich habe mir überlegt, mich bei ihnen in den Raum zusetzten um zu lesen oder sowas. Das müsste vielleicht auch zeigen, dass ich da bin, ihnen aber nichts bösen will.
    Wenn ihr weitere Tips für mich habt, schreibt mir doch bitte. Würde mich sehr freuen.
    Liebe Grüße Jana
    JanaB86@gmx.de

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