Pflege

Animal Hording – was ist das?

Animal Hording - was ist das? | Katzencontent
Verfasst von Kathrin

Eine neue, bisher wenig bekannt psychische Erkrankung sorgt immerwieder für schreckliche Schlagzeilen: das Animal Hoarding oder zu deutsch die Tierhortung.

13 Hunde, fünf Katzen, 14 Kaninchen, ein Waschbär sowie etliche Kleintiere in 60 Quadratmeter-Wohnung (animal health online)

Animal Hoarding – 16 Katzen in Tautenhain befreit (Ostthüringer Zeitung)

Dreck, Chaos, Gestank: 200 Tiere und Kadaver in Wohnhaus entdeckt (animal health online)

23. Februar 2003. Eine schwer kranke Frau liegt in ihren eigenen Exkrementen. Als viel zu spät Hilfe gerufen wird, verstirbt die 63-jährige im Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Mit ihr auf 15 Quadratmetern hausten fast 80 verwahrloste Hunde, einige bereits tot und halb verwest. (WUFF Hundemagazin)

Was sind das für Menschen, die sich selbst und ihren Tieren so etwas antun? Was treibt diese Menschen und welche Erkrankung verbirgt sich dahinter?

Symptome

Tierhortung zeichnet sich dadurch aus, dass alle der folgenden Kriterien erfüllt werden:

  • Es werden mehr als die normal übliche Anzahl von Haustieren gehalten
  • Unfähigkeit, selbst die minimalsten Standards hinsichtlich Ernährung, Sauberkeit, Unterbringung und tierärztlicher Versorgung einzuhalten, was häufig zu Verhungern, Krankheit und Tod führt
  • Verleugnung der Unfähigkeit, dieses Minimum an Versorgung zu sichern und des Einflusses, den dies auf Tiere, Haushalt und die Bewohner der Unterkunft hat (Quelle: Hoarding of Animals Research Consortium)

Worth und Beck kamen 1981 in einer Studie in den USA, in der sie mehrer Personen, die beim New York City Department of Health und der Animal Control Agency hinsichtlich Animal Hoarding auffällig geworden waren, zu folgenden Ergebnissen. Die meisten Befragten sammelten Hunde und Katzen, wobei Männer eher zu Hunden und Frauen eher zu Katzen tendierten. Fast zwei Drittel der Stichprobe waren Frauen und 70% der Teilnehmer unverheiratet. Es wurde häufig von Vereinsamung berichtet, die allerdings eher eine Folge der Tierhortung als die Ursache zu sein schien. Viele berichteten, dass das Verhalten bereits in der Kindheit angefangen hatte. Es viel auf, dass zahlreiche der Tierhorter auch auch andere Dinge horteten, also ein typisches Messie-Verhalten zeigten, und weder über ein Telefon noch über hinreichende sanitäre Einrichtungen verfügten.

Die Ergebnisse wurden von Patronek 1999 in einer weiteren Studie gestützt. Die meisten Personen waren weiblich (76%), ein großer Teil über 60 Jahre alt (46%), die waren Single, geschieden oder verwitwet und ungefähr die Hälfte lebte alleine. Auch hier waren vor allem Katzen (beteiligt bei 65% der Fälle) die Tiere, die gehortet wurden, dicht gefolgt von Hunden (beteiligt bei 60% der Fälle). Obwohl in 80% der Fälle wurden tote oder kranke Tiere gefunden wurden, in 69% die Wohnungen mit Urin und Kot verunreinigt waren und in fast zwei Dritteln sogar die Betten verschmutzt waren, sahen in 60% der Fälle die Betroffenen die Problematik der Situation nicht. Als Gründe für ihr Verhalten gaben sie vor allem intensive Tierliebe, das Gefühl, die Tiere seien Kindes statt, den Glauben, dass sich sonst niemand um die Tiere kümmern würde und die Angst, die Tiere würden eingeschläfert werden, an.

(Quelle: Psychiatric Times)

Subtypen

Aufgrund ähnlicher Verhaltensweisen lassen sich verschiedenen Typen von Tierhorten definieren, wie die Akademie für Tierschutz berichtet.

Der Pflegertyp

Dabei handelt es sich um einen Menschen, der anfänglich versucht, sich um die Tiere zu kümmern. Das Tier hat für den kranken Menschen einen hohen Stellenwert. Oftmals vermehren sich die Tierbestände, da keine Geschlechtertrennung stattfindet. Dem „Animal Hoarder“ wächst die Anzahl der Tiere über den Kopf und die Tiere werden nicht mehr ausreichend versorgt. Der „Animal Hoarder“ ist aber gleichzeitig nicht fähig, sein Problem zu kommunizieren und zu lösen. Dieser „Hoarder-Typ“ leugnet das Problem aber nicht vollständig und hat eine gewisse Einsicht in die Problematik. Dieser Mensch ist oftmals sozial isoliert.

Der Rettertyp

Es handelt sich hierbei vor allem um einen Menschen, der die Aufnahme von Tieren als seine Mission und Berufung ansieht. Oftmals kennzeichnet diesen Krankheitstypen eine extreme Todesangst und, infolge der eigenen Angst vor dem Tod lehnt er auch die Euthanasie selbst von unheilbar kranken und schwer leidenden Tieren strikt ab. Tiere werden vor allem aktiv gesammelt. Der krankhafte Tiersammler ist überzeugt, dass es die Tiere ausschließlich bei ihm gut haben. Jede Einsicht in die Problematik fehlt. Autoritäten werden gemieden und Weisungen nicht befolgt. Diese Menschen sind nicht unbedingt sozial isoliert. Sie führen nicht selten sogar ein ganz normales gesellschaftliches Leben, können sogar Geschäftsleute sein und im öffentlichen Leben stehen.

Der Ausbeutertyp

Hier wird das Tier ausschließlich aus eigennützigen Zwecken angeschafft. Dieser Typ ist extrem narzisstisch, hat keinerlei Schuldbewusststein und sammelt Tiere vorwiegend aktiv. Durch sein selbstbewusstes und durchaus eloquentes Auftreten ist er fähig, auch Behörden etc. etwas „vorspielen“.

Der Züchtertyp

Die Tiere sollten ursprünglich zum Zweck der Ausstellung und Verkaufs gezüchtet werden, aber der Überblick über die sich vermehrenden Tierbestände geht verloren.

Außerdem gibt es noch Zwischenformen der beschriebenen Typen.

Warnhinweise

Das Hoarding of Animals Research Consortium weist auf einige Dinge hin, die Anzeichen dafür sein können, dass eine Person Tiere hortet:

  • Weigerung, Besucher sehen zu lassen, wo die Tiere untergebracht sind
  • Weigerung zu sagen, wie viele Tiere tatsächlich vorhanden sind
  • Wenig Bemühungen, Tiere zu vermitteln und große Bemühungen,Tiere auszunehmen
  • Fortlaufende Aufnahme von Tieren trotz sinkender Versorgung der Tiere
  • Die Behauptung, hervorragende lebenslagen Versorgung von Tieren mit besonderen Bedürfnissen (Behinderungen, Leukose, extreme Aggression) bieten zu können
  • Anzahl der Betreuer paßt nicht zur Anzahl der Tiere
  • Wunsch, Tiere lieber an entfernten Orten anzunehmen als direkt vor Ort

Was kein Animal Hoarding ist…

Nicht bei jedem Fall, in dem eine Person viele Tiere hält, liegt Animal Hoarding vor. Ist die Person in der Lage, die Tiere ausreichend zu versorgen, handelt es sich vielleicht um eine seltsames, aber eben nicht um ein krankhaftes Verhalten. Auch in Fällen, in denen Personen einsehen, dass ihnen die Anzahl ihrer Tiere über den Kopf gewachsen ist und sie keine Tiere mehr aufnehmen, sondern Bemühungen unternehmen, Tiere abzugeben, liegt meist kein krankhaftes Hoarding (mehr) vor.

Ebensowenig handelt es sich bei Massenvermehrern um Tierhorter. Diese Personen sind sich in der Regel darüber im klaren, dass sie die vorhandenen Tiere nur minimalst versorgen und haben keine Probleme damit, Tiere abzugeben – denn damit verdienen sie ja schließlich ihr Geld. Sicherlich gibt es aber Fälle, in denen aus Massenvermehrern Tierhorter werden.

Auch Personen, die bestimmte Tiere „sammeln“, sind nicht notwendigerweise Horter. So lange die Tiere gut versorgt werden und die Personen den Überblick über ihren Bestand halten, handelt es sich nicht um echtes Animal Hoarding. Bei Liebhabern und Züchtern einiger exotischer Tierarten ist es teilweise auch nicht unüblich, ein gewisses „Sammlerverhalten“ an den Tag zu legen, was sich aber meist darin äußert, dass möglichst seltene oder besondere Tiere gesucht werden. Hier geht es nicht um Quantität, sondern eher um bestimmte Qualitäten.

Erklärungsmodelle

Wahnvorstellungen

Das Erklärungsmodell geht davon aus, dass Tierhorter unter einer sehr spezifischen Wahnvorstellung leiden. In einer Studie berichteten Patienten zum Beispiel, dass sie besondere Fähigkeiten zur Kommunikation mit Tieren haben. Zudem nehmen viele Horter den erbärmlichen Zustand, in dem ihre Tiere sind, nicht wahr und behaupten steif und fest, allen Tieren gehe es gut und sie seien hervorragend versorgt. Dies ist ein klarer Fall von verzerrter Realitätswahrnehmung, wie sie für Wahnvorstellungen typisch sind. Wahnvorstellung sind allerdings noch keine Krankheit an sich, sondern treten als Symtom einer Erkrankung wie z.B. einer Schizophrenie, einer Wahnhaften Störung oder einer schweren affektiven Ströung bzw. Depression auf.

Demenz

Patronek sieht Animal Hoarding als ein erstes Frühwarnzeichen für einsetzende Demenz, also dem Abbau von Denk- und Entscheidungsfähigkeit. Gestützt wird diese Theorie dadurch, dass 26% der Teilnehmer an Partoneks Studie von 1999 in Anlagen betreuten Wohnen lebten oder einen Vormund hatten. Auch das Messie-Phänomen tritt gehäuft bei dementen Personen auf. Da aber nicht geklärt werden konnte, ob die betroffenen Personen aufgrund ihres Hortungsverhaltens in entsprechende Betreuung gekommen waren, also was Ursache und was Folge ist, kann dieses Modell nicht belegt werden.

Suchtverhalten

Aufgrund der Ähnlichkeiten zwischen Animal Hoarding und Substanzmissbrauch (keine Krankheitseinsicht, Entschuldigungen für das Verhalten, Isolation, Vernachläsigung) schlug Lockwood 1994 ein Modell vor, dass Tierhortung als Suchtverhalten erklärt. Gängigen Diagnosemanualen zufolge (IDC-10, DSM-IV) liegt ein Suchtverhalten aber nur vor, wenn eine Substanz (Drogen, Alkohol, Nikotin) involviert ist.

Störung der Impulskontrolle

Dieses Modell betont die Parallelen des Verhaltens einer Tierhorters zu einem Spiel“süchtigen“ oder zu einem Einkaufs“süchtigen“. In keinem der Fälle handelt es sich um eine wirkliche Suchterkrankung, da keine Substanz involviert ist, die eine psychische oder physische Abhängigkeit induzieren kann.

Zoophilie

Bei der Zoophilie handelt es sich um eine Störung des Sexualverhaltens, bei der Tiere in das Zentrum sexueller Handlungen rücken. Eine härtere Bezeichnung wäre Sodomie. Dieser Begriff wird allerdings in der medizinischen Dianostik – die ja neutral sein soll – aufgrund der negativen Besetzung eher vermieden. Es gibt allerdings nur sehr wenige Fälle, in denen diese Störung als Grund für Tierhortung angesehen werden kann.

Bindungsstörung

Hierbei wird davon aufgegangen, dass die Betroffenen in ihrer Kindheit aufgrund mangelnder elterlicher Zuwendung kein normales Bindungsverhalten entwickeln konnten. Daher sind sie im Erwachsenenalter nicht fähig, stabile, funktionierende Beziehungen zu anderen Personen aufzubauen und nutzen Tiere als Partnerersatz. Dieses Modell steht im Einklang mit den Ergebnissen von Worth und Beck 1981, die von dem Bedürfnis der Betroffenen, bedingungslose Liebe durch die Tiere zu erfahren,, berichten.

Zwangsstörungen

Den besten Erklärungsansatz scheint die Annahme zu bieten, dass es sich beim Animal Hoarding um eine Zwangsstörung handelt. Zwangsstörungen gehören zur Gruppe der Angststörungen, da bei dem Versuch, einen Zwangsgedanken zu unterdrücken oder eine Zwangshandlung zu unterlassen schwere Ängste auftreten. Diese Ängste können das Ausmaß von Todesängsten annehmen. Oft haben Betroffenen auch starke Ängste davor, dass ihnen nahe stehenden Personen etwas schlimmes zustoßen könnte oder das allgemeinen etwas Schreckliches passieren wird, wenn sie ihrem Zwang nicht folgen. Dies passt zu der Beobachtung, dass Tierhorter annehmen, dass sich niemand sonst um ihre Tiere kümmern würde und dass die Tiere eingeschläfert würden, wenn sie sie nicht aufnehmen würden. 80% der Animal Hoarder horteten Patronek zufolge nicht nur Tiere, sondern auch Objekte, ein Verhalten, was auch bei 20-30% der Zwangsstörungen auftritt.

Schlusswort

Das Schlusswort überlasse ich dem deutschen Tierschutzbund, der Aufklärung über die in Deutschland noch weitgehend unbekannte Krankheit Animal Hoarding fordert:

„Es ist damit zu rechnen, dass die Anzahl von bekannt werdenden Fällen von Animal Hoarding ansteigen wird. Und es wird noch viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen, bis Animal Hoarding auch in Deutschland als Krankheit anerkannt wird. Um den Menschen und damit auch den Tieren dauerhaft zu helfen, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nötig. Der Amtstierarzt sollte die Möglichkeit haben, sofort einzugreifen und den Tierbestand sicherzustellen. Gleichzeitig ist eine zeitnahe gerichtliche Entscheidung mit angeordneter psychologischer Therapie und Tierhalteverbot notwendig.“ (Quelle: Pfoten und Fell)

Literatur

  • Lockwood R (1994), The psychology of animal collectors. Trends 9:18-21.
  • Patronek GJ (1999), Hoarding of animals: an under-recognized public health problem in a difficult-to-study population. Public Health Rep 114(1):81-87.
  • Worth D, Beck AM (1981), Multiple ownership of animals in New York City. Trans Stud Coll Physician Phila 3(4):280-300.

Das Bild „rescued cats whatwhenwhere 089“ wurde von doustpauline bei Flickr unter Creative Commons Lizenz zur Verfügung gestellt. Auf dem Bild ist kein Animal Hoarding dargestellt, sondern es handelt sich um eine Aufnahme von Katzen in einer Pflegestelle.

Über den Autor

Kathrin

1 Kommentar

  • Hallo,

    diese Seite zu Animal Hoarding gefällt mir. Die Inhalt sind sachlich und nicht sensationsheischend. Deshalb habe ich sie als weiterführende Information auf einer eigenen Unterseite zum Thema verlinkt (unter Suchterkrankungen => Impulskontrollstörungen zu finden). Ich hoffe, das ist in Ordnung 🙂

    Liebe Grüße aus Köln, Monika Kreusel

Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com